ab diesem Jahr soll in den öffentlichen Schulen bis zur 8. Klasse ein verpflichtender Religionsunterricht eingeführt werden. Vorausgegangen ist eine lange Diskussion zu diesem Thema, die seit 2003 immer mehr Fahrt bekam.
Initiator dieser Gegebenheit war ein politischer Kandidat in Rio de Janeiro, welcher einer evangelikalen Kirche angehörte. Eines seiner Wahlversprechen war es dafür zu sorgen, dass der Religionsunterricht in Brasilien wieder eingeführt wird. Die evangelikale Kirche mobilisierte zu diesem Thema auf riesigen Wahlveranstaltungen unzählige Menschen. Daraufhin begann sich auch die römisch katholische Kirche der Forderung nach Religionsunterricht in den Schulen anzuschliessen.
Es soll nun in Zukunft vier Optionen geben, welche nach und nach eingeführt werden sollen. Der Bundesstaat Rio de Janeiro soll als Vorzeigemodell dienen. Demnach will man dort die Kinder in den Schulklassen in vier Gruppen einteilen: Katholizismus, Evangelikalismus, Spiritismus nach Allen Kardec und afro-brasilianische Religionen. In den übrigen Bundesstaaten soll zunächst ein Religionsunterricht geschaffen werden, der über diese vier Religionsunterteilungen im Allgemeinen unterrichtet. Den überforderten Lehrkräften wird, damit sie ihre Aufgaben in Zukunft gemäß Lehrplan erfüllen können, von der brasilianischen Regierung ein Schnellkurs zum Thema Religion angeboten.
Diese Lehrgänge werden von vielen Lehrkräften gerne angenommen, bedeuten diese doch ein leicht erworbenes Zusatzdiplom. Lehrkräfte, welche im Rahmen eines von der katholischen Kirche durchgeführten Projektes zur Förderung der Integration der Indios einen Laien-Theologiekurs in der Vergangenheit freiwillig absolviert haben, die haben jetzt nachträglich die Möglichkeit, sich diesen durch das brasilianische Bildungsministerium genehmigen zu lassen.
Das Thema Religionsunterrichts ist in Brasilien nicht unumstritten und hat bereits zu zahlreichen Demonstrationen gegen die Wiedereinführung geführt.
Der Einführung des Religionsunterricht geht eine lange Geschichte voraus, die bis in die Kolonialzeit (1549 – 1889) zurückgeht. Damals wurde ein Abkommen zwischen dem Vatikan und dem portugiesischen Königshaus geschlossen. Dieses Abkommen sah vor, dass das Schulwesen zwar kostenfrei und für jedermann frei zugänglich zu sein hat, jedoch den Sklaven in erster Linie zur Evangelisierung dienen sollte. Diese Aufgabe übernahm der Orden der Jesuiten. Sie errichteten in Slavador das erste Jesuitenkolleg, dem bald im ganzen Land viele weitere hundert Schulen folgten. Es wurde ein zweiklassiges Schulsystem verfolgt, in den einen Schulen wurden die Kinder der Oberschicht unterrichtet, während in den anderen Schulen die Kinder aus der indigenen Bevölkerung die Schulbank drückten.
Nachdem die Jesuiten enteignet und aus Brasilien ausgewiesen worden waren, brach auch das Schulsystem im Jahr 1759 zusammen. Die Folge dessen war, dass die in Brasilien verbliebenen Priester von da an nur noch in den Schulen der Oberschicht unterrichteten, während die indigene Bevölkerung ihre neu gewonnene Unabhängigkeit damit zum Ausdruck brachte, dass sie sich wieder verstärkt den Naturreligionen zuwandte – welche in dieser Zeit einen sehr starken Zulauf erhielten.
Im Jahr 1808 kam die königliche Familie mit einem Hofstaat von rund 15.000 Personen nach Brasilien. Rio de Janeiro wurde zur Hauptstadt des Landes erklärt. Nur wenige Jahre später, 1822, unterzeichnete das Königshaus die Unabhängigkeitserklärung für Brasilien.
In der “Verfassung des Kaiserreichs“ von 1824 wurde festgelegt, dass die römisch-katholische Religion weiterhin die Religion des Landes sein wird. Auch als 1889 schließlich die Republik ausgerufen wurde, änderte sich nichts an dem Schulwesen. Der Katholizismus blieb weiterhin Staatsreligion. Obwohl das Erziehungswesen eindeutig zu den Aufgaben des Staates zählte, übernahm die römisch-katholische Kirche diese Aufgabe stillschweigend.
Im Dekret 119-A, aus dem Jahr 1890, verbot Brasilien jegliche Einmischung des Bundes und der Länder in religiöse Fragen, und garantierte die freie Ausübung jeglicher Religion. Rund ein Jahr später wurde das Gesetz dann noch erweitert, und ausdrücklich festgelegt, dass alle Religionen, Kirchen und Sekten in Brasilien akzeptiert und erlaubt sind, und ihre Lehren von Laien offen und frei praktiziert werden können.
Den ersten freien Religionsunterricht an staatlichen Schulen gab es schließlich ab dem Jahr 1931. Problem hierbei war die Tatsache, dass man aufgrund der Tradition nur den katholischen Religionsunterricht kannte und in der Lage zu lehren war, aber was war mit all den anderen ebenfalls durch den Staat anerkannte Religionen?
1934 nahm man sich diesem Thema an und veröffentlichte ein Gesetz hierzu, in welchem es in Artikel 153 heißt: Der Religionsunterricht auf freiwilliger Basis, in Einklang mit den religiösen Prinzipien des Schülers und seiner Religion, während der offiziellen Schulstunden in allen Schulstufen.
Im Jahr 1961 gab es dann eine gravierende Einschränkung. Denn ab da hieß es, dass Religionsunterricht freiwillig und ohne Kosten für den Staat angeboten wird. Außerdem wurde der Religionsunterricht nur nach den offiziellen Schulstunden angeboten, so dass die Schulen letztendlich nur noch die Räumlichkeiten zur Verfügung stellten.
Das Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und Brasilien wurde im Dezember 2009 ratifiziert. Zu den wichtigsten Punkten dieses Abkommens gehört auch der katholische Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Aber auch zu diesem Zeitpunkt war noch ganz klar geregelt, dass der Religionsunterricht für den Staat keine Kosten verursachen darf.
Als dann der Bürgermeister von Rio de Janeiro, Eduardo Paes, im Jahr 2011 in 80 Schulen von Rio ein sogenanntes Testjahr für Religionsunterricht absolvieren ließ, da waren die Weichen gestellt zur Wiederkehr des Religonsunterrichts in Brasilien.
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